Das hast du aber gut gemacht

 

Leh­re­rIn­nen haben viel zu sagen. Sie strot­zen nur so vor Exper­ten­wis­sen in ihrem jewei­li­gen Fach­be­reich. Was sie aber alle­samt wis­sen, ist, dass die bes­ten Inhalte nur dann auch wirk­lich beim End­ab­neh­mer, also den Schü­le­rIn­nen, ankom­men, wenn diese lern­be­reit und –wil­lig sind. Diese Rea­li­sie­rung kann zur über­has­te­ten Ernüch­te­rung füh­ren, wenn man sich tag­täg­lich anstatt mit Wis­sens­ver­mitt­lung um Erzie­hungs­ar­beit und Dis­zi­plin im Klas­sen­zim­mer küm­mern muss. Da die­ses Pro­blem aber seit Jahr­zehn­ten von den ver­schie­dens­ten Leh­re­rIn­nen in den ver­schie­dens­ten Lern­um­ge­bun­gen immer wie­der erfah­ren wird, gibt es auch wert­volle und bewie­sene Tipps und Tricks, um den Schü­le­rIn­nen nicht das Fürch­ten, son­dern das Ler­nen zu leh­ren und nicht den Kampf, son­dern die Freude am Ent­de­cken anzu­sa­gen. Das hört sich sim­pel an, doch wie so oft wir­ken auch diese Wun­der­pil­len nicht über­nacht. Übung macht den Lehr­meis­ter. (Warum sollte ich das lesen, selbst wenn ich keinE Leh­re­rIn bin?)

Ein wich­ti­ger Trick exzel­len­ter Leh­re­rIn­nen wird auch sehr oft schwer miss­ver­stan­den. “Mög­lichst wenig loben, damit die Schü­le­rIn­nen das Lob noch schät­zen”, “Lob ver­weich­licht doch die Schü­le­rIn­nen” oder “Das ver­steht sich doch von selbst — warum soll ich das noch loben, das setze ich ja vor­aus!” sind oft Mei­nun­gen zu die­sem Thema. Dabei ist es eine Wun­der­waffe für tat­säch­li­ches Ler­nen, wie uns unter ande­rem die Neu­ro­bio­lo­gie oder die Ver­hal­tens­for­schung zeigt. Lob und Aner­ken­nung füh­ren direkt zu einer Sti­mu­la­tion unse­res Beloh­nungs­sys­tems im Gehirn. Die­ses funk­tio­niert ähn­lich wie ein Schmier­mit­tel im Auto­mo­tor. Ich kann zwar ler­nen, wenn ich nicht viel davon habe, ris­kiere aber, dass irgend­wann ein­mal gar nichts mehr geht oder die Maschine unrund und nicht so effi­zi­ent wie mög­lich läuft. Da Lob unser Beloh­nungs­sys­tem akti­viert, ist es auch unmit­tel­bar für Ler­nen ver­ant­wort­lich. Aus der Neu­ro­bio­lo­gie wis­sen wir mitt­ler­weile, dass genau die Zeit­punkte, in denen unser Beloh­nungs­sy­tem aktiv ist, zum Auf­sau­gen neuer Ver­hal­tens­mus­ter, Inhalte und Zusam­men­hänge führen.

Lob

Diese Akti­vie­rung kann auch zwei Arten erfol­gen, die beide wirk­sam sind, aber nur in unter­schied­li­cher Aus­prä­gung bei ver­schie­de­nen Zuhö­re­rIn­nen funktionieren:

  1. Intrin­si­sche Moti­va­tion / Akti­vie­rung: Wenn Schü­le­rIn­nen (oder Mit­ar­bei­te­rIn­nen, Zuhö­re­rIn­nen, etc.) von sich selbst aus von der Wich­tig­keit eines bestimm­ten Inhalts, eines bestimm­ten Ver­hal­tens oder bestimm­ter Zusam­men­hänge über­zeugt sind, dann akti­vie­ren sie bei einem bewuss­ten eigen­stän­di­gen Errei­chen des erfolg­rei­chen Zustands (“die­ses Mal habe ich es ver­stan­den!”, “auf diese Art bekomme ich eine gute Note/eine Beförderung/einen Bonus”) selb­stän­dig ihr Beloh­nungs­sys­tem. Diese intrin­si­sche Akti­vie­rung kann aber nur dann pas­sie­ren, wenn die jewei­lige Per­son bereits gelernt hat, für sich selbst das Beloh­nungs­sys­tem zu aktivieren.
  2. Extrin­si­sche Moti­va­tion / Akti­vie­rung: Wenn Schü­le­rIn­nen (oder Mit­ar­bei­te­rIn­nen, Zuhö­re­rIn­nen, etc.) Ver­hal­ten, Wis­sen, Ver­ständ­nis, etc. zei­gen, das von der Lehr­kraft (vom Chef, vom Red­ner, etc.) erwünscht ist, kann es belohnt wer­den. Auf­merk­sam­keit und posi­tive Wür­di­gung ist dabei die grund­le­gendste, aber gleich­zei­tig auch eine sehr effek­tive Form der Akti­vie­rung des Beloh­nungs­sys­tems. Ähn­lich wie es sich bei der klas­si­schen Kon­di­tio­nie­rung ver­hält, kön­nen auch so syn­ap­ti­sche Zusam­men­hänge geför­dert wer­den — “Wenn ich X mache, dann pas­siert Y”. Wir­kungs­vol­ler kann Ler­nen gar nicht funk­tio­nie­ren. Nach einer gewis­sen Weile kön­nen wir gar nicht mehr anders, als das posi­tiv gelernte Ver­hal­ten zu zeigen.

Ich bin der Über­zeu­gung, dass gerade im kind­li­chen Alter noch sehr wenig über intrin­si­sche Moti­va­tion und Akti­vie­rung pas­sie­ren kann (oder viel­leicht sogar die fal­schen Zusam­men­hänge gelernt wur­den, wie das oft der Fall ist). Lob ist daher das ulti­ma­tive Mit­tel, um Ler­nen zu ermög­li­chen. Dabei ist aber unbe­dingt auch behut­sam vor­zu­ge­hen! Lob darf nicht über­trie­ben wer­den, sonst ver­liert es seine Kraft. Es funk­tio­niert nur (bzw. am bes­ten) unter fol­gen­den Gesichtspunkten:

  • Bes­ser als erwar­tet: Die Neu­ro­bio­lo­gie zeigt ganz klar, dass Lob nur dann die bes­ten Effekte erzielt, wenn es in einer Situa­tion gege­ben wird, die wir uns eigent­lich gar nicht so gut vor­ge­stellt hät­ten. Wir bil­den kon­stant Erwar­tungs­hal­tun­gen unse­res Ver­hal­tens. Wenn wir han­deln, ver­su­chen wir immer ein­zu­schät­zen, was die Reak­tion unse­rer Umwelt auf unser eige­nes Han­deln sein wird. Dies geschieht stän­dig — wir kön­nen gar nicht anders. Wenn sich eine Art uns zu ver­hal­ten als viel bes­ser als andere Arten her­aus­stellt, dann wer­den die dafür zustän­di­gen Syn­ap­sen­bah­nen ver­stärkt genutzt und das Ver­hal­ten wie­der­holt — Ler­nen geschieht. Wenn also Lob eines bestimm­ten Ver­hal­tens zu einer Situa­tion führt, die wir uns vor­her gar nicht so gut vor­ge­stellt hat­ten, dann ler­nen wir so gut wie sonst nie. Lob funk­tio­niert natür­lich auch in ande­ren Fäl­len, in denen wir viel­leicht schon wis­sen, dass ein bestimm­tes Ver­hal­ten als posi­tiv gese­hen wird — in die­sen Fäl­len dient es aber nur mehr zur Ver­fes­ti­gung die­ser Synapsenverbindungen.
  • Kon­kret: Lob muss sich immer auf einen kon­kre­ten Anlass­fall bezie­hen und die­sen auch im Lob auf­grei­fen. “Das hast du gut gemacht” ist weit­aus weni­ger effek­tiv als “Ich sehe du hast dir wirk­lich Gedan­ken gemacht — das ist super”
  • Gerecht­fer­tigt: Lobende Worte rut­schen uns manch­mal auch ein­fach so her­aus. Wich­tig ist aber, dass es immer eine tat­säch­li­che Recht­fer­ti­gung für Lob geben muss. Geheu­chel­tes Lob kommt nicht an und ver­pufft (es macht sogar spä­te­res ehr­lich gemein­tes Lob unwirk­sa­mer). Es muss also immer auch tat­säch­lich etwas gut gewe­sen sein oder anders: Lob muss tat­säch­lich ver­dient wor­den sein, sonst hat es kei­nen oder sogar einen nega­ti­ven Effekt.
  • Unmit­tel­bar: Der unmit­tel­bare Zusam­men­hang zwi­schen Ver­hal­ten und Lob ist ent­schei­dend. Wenn der Anlass­fall bereits Tage oder Wochen zurück­liegt, kann das jewei­lige Ver­hal­ten nur mehr sehr schwer mit den posi­ti­ven Effek­ten des Lobs in Ver­bin­dung gebracht werden.
  • Per­sön­lich: Am bes­ten funk­tio­niert Lob auch dann, wenn es direkt und per­sön­lich gege­ben wird. Pau­scha­les Lob (“Ihr habt gute Arbeit geleis­tet”) kann somit auch zu einer Sti­mu­lie­rung des Beloh­nungs­sys­tems füh­ren, ist aber weit­aus weni­ger effek­tiv für die ein­zel­nen Personen.

Lob ist und bleibt eine der mäch­tigs­ten Mög­lich­kei­ten, Men­schen dort­hin zu brin­gen, wo sie hin sol­len. Exzel­lente Leh­re­rIn­nen machen es vor und wir alle soll­ten uns auch öfter dar­auf ein­las­sen. Denn nicht nur wir selbst blü­hen auf, wenn wir gelobt wer­den, son­dern auch unsere Schü­le­rIn­nen, Mit­ar­bei­te­rIn­nen, etc. wer­den es uns danken.

Noch mehr Tricks exzel­len­ter Leh­re­rIn­nen fin­dest du hier.

Bern­hard (28 Posts)

Bern­hard stu­dierte Inter­na­tio­nale Betriebs­wirt­schaft sowie Stra­te­gie, Inno­va­tion und Con­trol­ling mit den Schwer­punk­ten Inter­na­tio­na­les Mar­ke­ting, Unter­neh­mens­grün­dung, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment und Beha­vio­ral Finance in Wien, Mon­treal und Neu-Delhi. Er sam­melte in meh­re­ren inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten und Unter­neh­men Erfah­run­gen im Bereich Con­sul­ting, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment, Social Entre­pre­neurship und Ven­ture Capi­tal. Der­zeit ist er als Leh­rer für Eng­lisch, Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik an einer Neuen Mit­tel­schule im 10. Wie­ner Gemein­de­be­zirk tätig.