Gesamtschule — Einheitsbrei oder Allheilmittel?

 

Kaum eine Dis­kus­sion wird hit­zi­ger und ideo­lo­gisch fest­ge­fah­re­ner geführt als die Frage nach der Gesamt­schule der 10-14jährigen (oder 10-16jährigen). Folgt man dem poli­ti­schen Dis­kurs, bekommt man tat­säch­lich den Ein­druck, man beob­achte einen Gra­ben­kampf, bei dem eigent­lich kei­ner mehr so rich­tig weiß, wor­über eigent­lich gezankt wird. Und dass die­ser Streit auf den Rücken unse­rer Kin­der (und dem unse­rer Zukunft als erfolgs­ver­wöhn­ter Gesell­schaft) aus­ge­tra­gen wird, scheint wenige bis nie­man­den zu stö­ren. Was aber ist denn so tra­gisch an einer Schul­form, der auch wis­sen­schaft­li­che Befunde, Mus­ter­bei­spiele aus ande­ren Län­dern und eigent­lich ein gesun­der Men­schen­ver­stand große Effek­ti­vi­tät und Vor­teile versprechen?

In einem Gesamt­schul­sys­tem würde die Tei­lung unse­rer Schü­le­rIn­nen nach der Volks­schule in Elite und Nicht-Elite im 10. Lebens­jahr wegfallen.

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Die Frage, die sich hier gleich zu Beginn stellt: Was kön­nen unsere Kin­der denn bis zu ihrem 10. Lebens­jahr schon ver­bro­chen oder nicht gelernt haben, dass sie schon zu die­sem Zeit­punkt schub­la­di­siert wer­den müs­sen? Oder liegt es an der unter­schied­li­chen Intel­li­genz? Wohl kaum. Ob Intel­li­genz ange­bo­ren ist, ist zwar heiß umstrit­ten, mitt­ler­weile wird aber davon aus­ge­gan­gen, dass ca. 50% davon gene­tisch bedingt ist und die ande­ren 50% durch äußere Umwelt­ein­flüsse, also Lern­an­ge­bote, sozia­les Umfeld, Vor­bil­der, etc. ent­wi­ckelt oder eben nicht ent­wi­ckelt werden.

“Die Gene sind gewis­ser­ma­ßen das Grund­ka­pi­tal, das man mit­be­kommt. Setzt man es nicht ein, erwirbt man kein Wis­sen, ist es völ­lig nutz­los. Je bes­ser man das gene­ti­sche Start­ka­pi­tal ein­setzt, desto mehr kann man aus ihm machen. Das heißt aber auch: die Chan­cen sind von vor­ne­her­ein nicht gleich ver­teilt. Nehme ich zwei Men­schen her, die gleich moti­viert sind, sich gleich stark ein­set­zen, wird man den­noch Unter­schiede fin­den. Der Effekt des Start­ka­pi­tals wird in unse­ren Gesell­schaf­ten noch dadurch ver­stärkt, dass Men­schen mit höhe­rem Start­ka­pi­tal im All­ge­mei­nen auch in för­der­li­che Umwel­ten, wie gebil­de­tere Eltern­häu­ser, hin­ein­ge­bo­ren werden.”

Aljoscha C. Neu­bauer, Pro­fes­sor für Dif­fe­ren­ti­elle Psy­cho­lo­gie, Uni­ver­si­tät Graz

In die­sem Zitat steckt aber auch gleich ein wei­te­rer Hin­weis dar­auf, dass Ler­nen, Wis­sens– und Kom­pe­tenz­er­werb nicht gleich­zu­set­zen sind mit Intel­li­genz, was auch die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten bestä­ti­gen. Wenn dann im glei­chen Atem­zug auch Stu­dien zei­gen, dass es auf die Mischung ankommt und die Gesamt­schule daher Schwä­chere stär­ken, aber kei­ner­lei Nach­teile für Begab­tere brin­gen würde, ist jeden­falls ein Argu­ment der Gesamtschul-Skeptiker ent­kräf­tet. Wenn uns Umwelt­ein­flüsse, Peer-Groups, das soziale Umfeld und Lern­an­ge­bote so sehr prä­gen kön­nen und dies anschei­nend ten­den­zi­ell in eine Rich­tung — näm­lich in die der ohne­hin schon benach­tei­lig­te­ren Schü­le­rIn­nen — so hält die “Nivel­lie­rung nach unten” rein objek­tiv keine große Über­zeu­gungs­kraft mehr.

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Was wir uns dann dar­über hin­aus noch fra­gen soll­ten, ist, ob wir tat­säch­li­che Gleich­be­rech­ti­gung und Chan­cen­gleich­heit in unse­rer Gesell­schaft leben oder diese nur auf dem Papier, bei Fern­seh­dis­kus­si­ons­run­den, Demons­tra­tio­nen und im elo­quen­ten Plau­der­stünd­chen mit ande­ren Pri­vi­le­gier­ten for­dern möch­ten. Die Bil­dung unse­rer Kin­der hängt noch immer zu einem Groß­teil vom Bil­dungs­stand ihrer Eltern und ihres sozia­len Umfelds ab (was sich zum Teil sehr gut durch die obige Dis­kus­sion der (Nicht-)Vererbung von Intel­li­genz erklä­ren lässt). Das Poten­zial und Ziel eines Gesamt­schul­sys­tems ist, dass Schü­le­rIn­nen gemein­sam ler­nen und sich die Gesell­schafts­schich­ten (die sozio-ökonomischen, aber genauso die eth­ni­schen) nicht bereits in der Schule von­ein­an­der ent­fer­nen. Schü­le­rIn­nen sol­len unab­hän­gig von ihrem sozia­len Hin­ter­grund und Leis­tungs­stand zusam­men auf die Ent­de­ckungs­reise des Ler­nens gehen. Wäre das nicht ein geleb­tes Zei­chen für tat­säch­li­che Inte­gra­tion (Inklu­sion) und Chan­cen­gleich­heit aller bei gleich­zei­tig posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf Lern­schwä­chere? Es fällt schwer, die Vor­teile nicht zu sehen. Die tat­säch­li­che Nivel­lie­rung nach unten trei­ben wir mit ganz ande­ren Metho­den, wie der wuchern­den poli­ti­schen Popu­la­ri­tät von Stan­dar­di­sie­rung, voran.

Exklusion - Separation - Integration - Inklusion

Dass wir am Land fak­tisch schon jetzt sehr Gesamtschul-ähnliche Zustände vor­fin­den, wo (fast) alle Kin­der einer Region die glei­che, meist Haupt­schule besu­chen, wird in der poli­ti­schen Dis­kus­sion eben­falls regel­mä­ßig aus­ge­blen­det und teil­weise dar­über hin­aus noch poli­tisch moti­viert für Schein-Modellregionen für die Gesamt­schule aus­ge­nutzt (was ändert sich in einer bestimm­ten Region, in der es ohne­hin keine Gym­na­sien gibt, wenn aus Haupt­schu­len Gesamt­schu­len wer­den, außer dem Namen?). Bemer­kens­wert ist aber dann gleich auch, dass genau diese länd­li­chen Haupt­schu­len einen sehr guten Ruf genie­ßen. Zufall? Realität?

Gesamt­schule ja, aber wie?

Die sim­ple Ein­füh­rung der gemein­sa­men Schule der 10-14jährigen (oder 10-16jährigen) als All­heil­mit­tel für akute Pro­bleme wäre aber zu kurz gegrif­fen und gefähr­lich, wenn nicht auch pas­sende Rah­men­be­din­gun­gen dafür eta­bliert wer­den. Das Argu­ment, dass der der­zei­tige Unter­richt nicht den Leis­tungs­un­ter­schie­den der Schü­le­rIn­nen gerecht wer­den könne, hält auf jeden Fall. Dass dies aber daher auch über­haupt nicht mög­lich sei, geht — erwie­se­ner­ma­ßen — an der rea­li­sier­ba­ren Rea­li­tät vorbei.

“Diese Sicht­weise igno­riert […] schlicht die Mög­lich­keit und Wirk­sam­keit der Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung sowie der indi­vi­du­el­len För­de­rung. Ent­schei­dend ist aller­dings die per­so­nelle wie mate­ri­elle Aus­stat­tung die­ser Schulen.”

ao. Univ.-Prof. Dr. Gero Fischer

Die­ses Modell funk­tio­niert in Musterschul-Ländern, wie Finn­land, vor allem über Res­sour­cen zur adäqua­ten Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung. Das heißt dem­ent­spre­chend aber auch aus­rei­chend Res­sour­cen — vor allem Räum­lich­kei­ten und Lehr­per­so­nal — für Gesamt­schu­len. Hinzu kommt, dass es nicht wie­der Extra-Würste, son­dern nur eine tat­säch­li­che Gesamt­schule aller 10-14jährigen geben dürfte. Durch die Bei­be­hal­tung der Gym­na­sien wurde ja auch die Ein­füh­rung der Neuen Mit­tel­schu­len bereits in ihrer Effek­ti­vi­tät ver­wäs­sert. Nicht zuletzt müsste auch in der Leh­rer­aus­bil­dung für die neuen Anfor­de­run­gen eines sol­chen Modells gelehrt wer­den. Wenn Schü­le­rIn­nen unab­hän­gig von ihrem Leis­tungs­ni­veau zusam­men ler­nen, steigt natür­lich auch die Not­wen­dig­keit an päd­ago­gi­schen und didak­ti­schen Kom­pe­ten­zen der Leh­rer. Die Schü­ler bedür­fen je nach Leis­tungs­ni­veau indi­vi­du­elle Betreuung.

Zarah Haririan, Lehrerin, "Das erste Mal" Foto: Clemens Fabry

Auch wenn die PISA-Testungen in ihrem Vor­an­trei­ben der Stan­dar­di­sie­rung der Welt kei­nen gro­ßen Dienst erwei­sen, so kommt auch von die­ser Seite immer wie­der die Emp­feh­lung einer spä­te­ren Ver­tei­lung der Kin­der auf die unter­schied­li­chen Schul­for­men, um nega­tive Ein­flüsse des sozia­len Her­kunfts­mi­lieus län­ger kom­pen­sie­ren zu kön­nen, Bil­dungs­chan­cen gerech­ter zu ver­tei­len und nicht das unge­heure Poten­zial so vie­ler unge­nutzt auf der Straße lie­gen zu las­sen, wie wir das zur­zeit machen.

Schließ­lich sei noch ange­merkt, dass Gesamt­schule nicht Ganz­tags­schule bedeu­tet, wie es oft im opportunistisch-politischen Mei­nungs­aus­tausch den Anschein macht. Die (optio­nale und ver­schränkte) Ganz­tags­schule kann eben­falls eine Berei­che­rung sein, das ist aber wie­der eine andere Geschichte. Zuerst wäre eine Eini­gung im Sinne ALLER Her­an­wach­sen­den an der Zeit. Weg vom Gra­ben­kampf, hin zum objek­ti­ven Schlag­ab­tausch der Argu­mente. Und danach (wahr­schein­lich): Hin zur Gesamtschule.

Bern­hard (28 Posts)

Bern­hard stu­dierte Inter­na­tio­nale Betriebs­wirt­schaft sowie Stra­te­gie, Inno­va­tion und Con­trol­ling mit den Schwer­punk­ten Inter­na­tio­na­les Mar­ke­ting, Unter­neh­mens­grün­dung, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment und Beha­vio­ral Finance in Wien, Mon­treal und Neu-Delhi. Er sam­melte in meh­re­ren inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten und Unter­neh­men Erfah­run­gen im Bereich Con­sul­ting, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment, Social Entre­pre­neurship und Ven­ture Capi­tal. Der­zeit ist er als Leh­rer für Eng­lisch, Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik an einer Neuen Mit­tel­schule im 10. Wie­ner Gemein­de­be­zirk tätig.


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