Grundlos inspiriert?

 

Das funk­tio­niert wohl kaum. Dass unser Gehirn magisch von Begrün­dun­gen ange­zo­gen ist, lässt sich nicht bestrei­ten. So haben Harvard-Forscher um Ellen Lan­ger schon vor eini­ger Zeit her­aus­ge­fun­den, dass das kleine Wört­chen “weil” eine unglaub­li­che Wir­kung auf unsere Nei­gung, Bit­ten und andere Anlie­gen zu akzep­tie­ren, hat. Das berühm­teste Bei­spiel hierzu stammt aus ihrer Arbeit “The Copy Machine”:

In die­sem Expe­ri­ment ver­suchte sich ein bezahl­ter Schau­spie­ler in der Schlange vor einem Kopier­ge­rät vor­zu­drän­gen. Wäh­rend rela­tiv viele Per­so­nen auf die ein­fa­che Frage hin “Ent­schul­di­gen Sie, ich habe fünf Sei­ten. Kann ich den Kopie­rer ver­wen­den?” nächs­ten­lie­bend (oder über­rum­pelt) rea­gier­ten und den Schau­spie­ler tat­säch­lich vor­lie­ßen (~60%), so führte das Ein­schie­ben einer ein­fa­chen Begrün­dung kon­stant zu noch höhe­rer Einwilligung:

  • Der Satz “Ent­schul­di­gung, ich habe fünf Sei­ten. Kann ich den Kopie­rer ver­wen­den, weil ich Kopien machen muss?” ließ die Zustim­mung auf ~93% anstei­gen, obwohl es sich nicht ein­mal wirk­lich um einen trif­ti­gen, sinn­voll nach­voll­zieh­ba­ren Grund handelte.
  • Über­ra­schen­der­weise erziel­ten selbst ela­bo­rier­tere Ein­wände nicht sehr viel mehr Zustim­mung. “Ent­schul­di­gung, ich habe 5 Sei­ten. Kann ich den Kopie­rer ver­wen­den, weil ich es eilig habe?” wurde von 95% und damit nicht von sehr viel mehr Men­schen als aus­rei­chende Begrün­dung ange­nom­men, um eine wild­fremde Per­son beim Kopie­ren vorzulassen.

Auch wenn diese — bis dato einige Male in ver­schie­de­nen Sze­na­rien wie­der­holte Stu­die — zeigt, dass eine Begrün­dung, selbst wenn sie nicht per­fekt durch­dacht und sinn­voll ist, unse­rem Gehirn die Mög­lich­keit gibt, unter Stress eine schnelle Ent­schei­dung zu recht­fer­ti­gen, ver­ges­sen wir doch immer wie­der dar­auf, unser Han­deln ande­ren gegen­über mit einem Grund und damit mit Sinn zu berei­chern. Wenn wir mehr Zeit haben, unsere Ent­schei­dun­gen oder Ein­stel­lun­gen und die Gründe für eben­diese zu hin­ter­fra­gen, dann reicht ein ein­fa­ches “weil ich Kopien machen muss” natür­lich nicht. Was uns diese Arbei­ten jedoch zei­gen, ist, dass unsere Gehirne nach Grün­den suchen.

why3Somit ist es von ent­schei­den­der Wich­tig­keit — gerade im Bereich der Bil­dung — sich die Zeit zu neh­men und Gründe zu suchen. “Warum sol­len wir das jetzt ler­nen?”, “Was bringt mir das?”, “Wel­chen Ein­fluss hat das auf mein eige­nes Leben?” — sol­che oder ähn­li­che Fra­gen haben wir uns wohl selbst auch in unse­rer eige­nen Schul­zeit gestellt. Die eigent­li­che Frage aber sollte sein: Warum muss­ten wir uns und warum müs­sen unsere Schüler/innen heute sich diese Frage immer wie­der stellen?

Simon Sinek hat unter ande­rem dazu groß­ar­tige Gedan­ken, die er in sei­nem Video auf TED.com teilt:

Wie erklä­ren wir es uns, wenn Dinge nicht so funk­tio­nie­ren, wie wir anneh­men? Ein Pro­dukt kann per­fekt sein, eine Stra­te­gie makel­los, eine Lehr­stunde mit Lern­zie­len wun­der­voll vor­be­rei­tet — wenn unsere Adres­sa­ten aber kein emo­tio­na­les Ver­ständ­nis dafür auf­brin­gen, warum das letzt­lich für sie per­sön­lich einen Unter­schied machen könnte oder einen Mehr­wert lie­fern sollte, dann wer­den unsere Bemü­hun­gen öfter als uns lieb ist frucht­los blei­ben. Unsere Anspra­che geht dann beim einen Ohr hin­ein und beim ande­ren wie­der hin­aus. “Men­schen inter­es­siert nicht, was sie tun sol­len, son­dern warum sie es tun sol­len.” Und das, was Sinek im Video über Apple und Kodak zu sagen hat, bewahrt nicht nur für die Wirt­schaft seine Gül­tig­keit. Wenn wir Men­schen einen Grund geben, ein Ziel, eine Vision, dann ist vie­les mög­lich — auch lang­fris­ti­ger Lernerfolg.

Natür­lich ist dies bei Kin­dern noch ein­mal eine Sache für sich. Sie ver­ste­hen oft nicht, die Gründe, die wir Erwach­se­nen für all das fin­den, was wir ihnen mit auf den Weg geben möch­ten. Sie waren ja auch noch nie in die­ser omi­nö­sen Situa­tion, dass sie “das spä­ter ein­mal sicher brau­chen wür­den” und kön­nen sich auch nicht vor­stel­len, was wir unter “irgend­wann wirst du dich ärgern, dass du das jetzt nicht ordent­lich gelernt hast” ver­ste­hen. Wie auch? Sie erle­ben vie­les in ihrem Leben zum ers­ten Mal.

why2Der Schlüs­sel für ein erfolg­rei­ches “Warum” und somit für sinn­stif­ten­des Lernen/Lehren ist somit der Bezug zur Lebens­rea­li­tät der Kin­der. Auch das ist keine große Über­ra­schung, wird sel­bi­ges ja doch in Marketing-, Lehr– und Rhe­to­rik­bü­chern schon jah­re­lang gepre­digt: Du musst dein Ziel­pu­bli­kum ken­nen und auf seine Bedürf­nisse ein­ge­hen, damit du wirk­lich erfolg­reich kom­mu­ni­zie­ren und deine Bot­schaft effek­tiv über­brin­gen kannst. Was uns dann aber doch ziem­lich schwer fällt, ist, die Lebens­rea­li­tät unse­rer Schüler/innen zu ver­ste­hen und Lehr­in­halte, die uns selbst auch oft nicht sehr inspi­rie­rend ein­ge­trich­tert wur­den, dar­auf abzustimmen.

Fakt ist aber, dass die­ses empa­thi­sche und sinn­stif­tende Suchen von Anknüp­fungs­punk­ten im täg­li­chen Leben unse­rer Schüler/innen wahr­schein­lich die ein­zige Mög­lich­keit ist, wirk­lich alle mit auf einen gemein­sa­men (Lern)Weg zu neh­men. Wenn man als Lehrer/in die­sem Anspruch zu fol­gen ver­sucht, sollte man sich also öfter ein­mal gründ­lich über­le­gen, warum eine Klasse von 25 Schüler/innen denn jetzt wirk­lich gerade die Ohren spit­zen sollte und was die Stunde für sie brin­gen könnte. Dass wir ihnen neue Gründe, die sie über kurz oder lang auch erstre­bens­wert fin­den, mit­ge­ben kön­nen, bleibt außer Frage. Nur eines bleibt: einen Grund brau­chen wir! Daran führt (fast) nichts vorbei.

Men­schen inter­es­siert nicht, was sie tun sol­len, son­dern warum sie es tun sollen.”

Bern­hard (28 Posts)

Bern­hard stu­dierte Inter­na­tio­nale Betriebs­wirt­schaft sowie Stra­te­gie, Inno­va­tion und Con­trol­ling mit den Schwer­punk­ten Inter­na­tio­na­les Mar­ke­ting, Unter­neh­mens­grün­dung, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment und Beha­vio­ral Finance in Wien, Mon­treal und Neu-Delhi. Er sam­melte in meh­re­ren inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten und Unter­neh­men Erfah­run­gen im Bereich Con­sul­ting, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment, Social Entre­pre­neurship und Ven­ture Capi­tal. Der­zeit ist er als Leh­rer für Eng­lisch, Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik an einer Neuen Mit­tel­schule im 10. Wie­ner Gemein­de­be­zirk tätig.


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