Haltung. Macht. Hirn.

 

Dass unsere Gedan­ken unser täg­li­ches Leben aus­ma­chen, ja dass sie unsere Welt eigent­lich erst zu dem machen, was wir glau­ben, kom­plett objek­tiv wahr­zu­neh­men, ist durch­aus bekannt. Auch, dass wir durch unsere Gedan­ken die Kon­trolle über unse­ren Kör­per und unser Han­deln aus­üben, weiß man (“Mind over mat­ter”). Geht es aber auch anders­rum? Hat unser Kör­per auch einen Ein­fluss auf unsere Gedan­ken? Kön­nen wir steu­ern, wie wir denken?

Harvard-Professorin Amy Cuddy ist über­zeugt, dass genau das funk­tio­niert. Die Kör­per­spra­che als unsere pri­märe Quelle von Infor­ma­tio­nen an und über unsere Gesprächs­part­ne­rIn­nen gibt uns nicht nur wich­tige non­ver­bale Hin­weise, wie denn was zu ver­ste­hen ist, son­dern infor­miert unser Hirn selbst. Wie wir uns bewe­gen, wie wir sit­zen, wie offen oder ver­schlos­sen wir ande­ren begeg­nen oder wie breit wir auf­tre­ten beein­flusst also auch unsere eige­nen Gefühle. Das ist noch keine große Über­ra­schung, weiß man doch, dass bei­spiels­weise schüch­terne Red­ne­rIn­nen oft noch schüch­ter­ner wer­den, wenn sie mit zuein­an­der gedreh­ten Knien und ner­vö­sem Blick ihre kalt schwit­zen­den Hände an den Ober­schen­keln abstrei­fen und unsi­cher ihre Inhalte herunterstottern.

Was aber bemer­kens­wert ist, erklärt Cuddy 2012 bei TED:

Wir kön­nen uns bewusst für eine Kör­per­hal­tung ent­schei­den, die wir ein­neh­men möch­ten oder eben auch dar­auf ver­zich­ten — Fakt ist aber, dass die Kör­per­hal­tung, in der wir uns befin­den, einen gewal­ti­gen Ein­fluss dar­auf hat, wie wir den­ken, wie­viel Stress wir haben und emp­fin­den und wie (un)sicher wir ande­ren gegen­über auf­tre­te­ten. Das heißt, wenn wir uns bewusst bemü­hen, in einer Macht­pose zu sein, wer­den wir selbst­si­che­rer, wenn wir fröh­lich pfei­fend durch die Straße fla­nie­ren, wer­den wir fröh­li­cher und wenn wir ver­träumt in die Wol­ken star­ren, wer­den wir träumerischer.

Klingt nach eso­te­ri­schem Unsinn? Mit­nich­ten. Cuddy und ihr Team haben sich in zahl­rei­chen Expe­ri­men­ten die Aus­wir­kun­gen sol­cher und ähn­li­cher Macht­po­si­tio­nen angesehen:

body-language-power-posesUnd was sie dabei her­aus­ge­fun­den haben ist tat­säch­lich erstaun­lich. In einem Expe­ri­ment wur­den zuerst das Stress­hor­mon Cor­ti­sol und das Domi­nanz­hor­mon Tes­to­ste­ron bei Teil­neh­me­rIn­nen gemes­sen. Danach muss­ten sie für 2 Minu­ten ent­we­der eine macht­volle Posi­tion (erste Reihe im Bild) oder eine macht­lose Posi­tion (zweite Reihe im Bild) ein­neh­men. Es folgte eine kurze Auf­gabe und eine zweite Mes­sung der Hor­mon­aus­schüt­tung. Wäh­rend die Teil­neh­me­rIn­nen, die in macht­vol­len Posi­tio­nen ver­har­ren muss­ten bei der gestell­ten Auf­gabe deut­lich bes­ser abschnit­ten war das wirk­lich über­ra­schende Ergeb­nis die Ver­än­de­rung der zwei gemes­se­nen Hormone.

cortisol change

Die “mäch­ti­gen” Teil­neh­me­rIn­nen hat­ten nach dem gesam­ten Expe­ri­ment ein weit­aus gerin­ge­res Stress­le­vel als die “macht­lo­sen” und konn­ten somit sehr viel ent­spann­ter und natür­li­cher sein. Das hat sich vor allem auch bei einem zwei­ten Expe­ri­ment gezeigt, in wel­chem die Pro­ban­den nach dem glei­chen Ablauf, wie oben beschrie­ben, zu einem Bewer­bungs­ge­spräch muss­ten. Die “mäch­ti­gen” Bewer­be­rIn­nen schnit­ten um vie­les bes­ser ab und wur­den von der Jury als selbst­si­che­rer, sou­ve­rä­ner und natür­li­cher ein­ge­schätzt, als die “macht­lo­sen”.testoroneDass sich ein sehr ähn­li­cher Effekt auch beim Domi­nanz­hor­mon Tes­to­ste­ron bemer­ken ließ, zeigt noch deut­li­cher, welch gro­ßen Effekt das sim­ple Ein­neh­men einer Kör­per­hal­tung hat. Das Tes­to­ste­ron­le­vel der “mäch­ti­gen” Teil­neh­me­rIn­nen in Cud­dys Expe­ri­men­ten erhöhte sich dras­tisch, wäh­rend das der “macht­lo­sen” noch wei­ter sank. Auch das erklärt die Wahr­neh­mung der “mäch­ti­gen” Bewer­be­rIn­nen beim Bewer­bungs­ge­spräch als selbst­si­che­rer und souveräner.

Wie wir uns hal­ten, beein­flusst uns also. Da sollte man sich doch über­le­gen, das nächste Mal, bevor man in die Klasse geht, ein Bewer­bungs­ge­spräch oder einen ande­ren wich­ti­gen Gesprächs– oder Prä­sen­ta­ti­ons­ter­min hat, für 2 Minu­ten ein­mal die Hände nach oben zu rei­ßen. Wenn einem das zu pein­lich ist, bleibt noch immer der Gang aufs Klo — das stille Ört­chen kann der per­fekte Schau­platz für eine vor­be­rei­tende Macht­schau werden.

Und für unsere Schü­le­rIn­nen wäre genau die­ses Wis­sen ein­mal prak­ti­sche Abhilfe gegen Ner­vo­si­tät vor Prä­sen­ta­tio­nen. “So liebe Kin­der, heute machen wir es ein­mal wie die gro­ßen Sport­ler und rei­ßen die Hände in die Höhe!” Wenn das mal nicht Begeis­te­rung weckt…

victory

Bern­hard (28 Posts)

Bern­hard stu­dierte Inter­na­tio­nale Betriebs­wirt­schaft sowie Stra­te­gie, Inno­va­tion und Con­trol­ling mit den Schwer­punk­ten Inter­na­tio­na­les Mar­ke­ting, Unter­neh­mens­grün­dung, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment und Beha­vio­ral Finance in Wien, Mon­treal und Neu-Delhi. Er sam­melte in meh­re­ren inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten und Unter­neh­men Erfah­run­gen im Bereich Con­sul­ting, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment, Social Entre­pre­neurship und Ven­ture Capi­tal. Der­zeit ist er als Leh­rer für Eng­lisch, Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik an einer Neuen Mit­tel­schule im 10. Wie­ner Gemein­de­be­zirk tätig.


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