Von Wald und Bäumen

 

Den Wald vor lau­ter Bäu­men nicht sehen ist eines der bekann­tes­ten deut­schen Sprich­wör­ter, was aber viele trotz­dem nicht davon abhält, in diese kogni­tive Falle zu tap­pen. Dreht man diese geflü­gelte Phrase um und sieht die ein­zel­nen Bäume vor lau­ter Wald nicht mehr, so ist das nicht min­der irre­füh­rend. Eine Ana­lyse der Wahr­neh­mung von Wald und Bäu­men in der Bil­dungs­de­batte (ange­lehnt an die­sen Arti­kel im Kurier vom 20.01.2014 von Mag.a Isa­bella Zins und Gesamt­schule — Ein­heits­brei oder All­heil­mit­tel?).

Ver­gan­gen­heit!

standards

“Dau­ert diese lei­dige Debatte an, wird unser bis­her erfolg­rei­ches Bil­dungs­sys­tem end­gül­tig an die Wand gefahren.”

Mag.a Isa­bella Zins

Ver­al­te­tes Sys­tem”, das an die Bedürf­nisse einer kom­plett ande­ren Zeit und dras­tisch unter­schied­li­cher wirt­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Vor­aus­set­zun­gen ange­passt ist, würde eher zutref­fen. Mit dem der­zei­ti­gen “erfolg­rei­chen” Bil­dungs­sys­tem erzwin­gen wir Kon­for­mi­tät mit gesell­schaft­li­chen Erfor­der­nis­sen, die schon weit über dem Ablauf­da­tum sind (für Inter­es­sierte gibt es hier ein kur­zes Video dazu).

Gegen­wart

schullaufbahn

“Bis potente Geld­ge­ber pri­vate Gym­na­sien grün­den, und Bil­dung, die die­sen Namen auch ver­dient, nur mehr für die Kin­der der Rei­chen leist­bar ist?”

Mag.a Isa­bella Zins

Man ersetze nur “leist­bar” durch “schwer bis nicht zugänglich”

Guter Durch­schnitt

Unter dem Titel “Guter Durch­schnitt”: “Öster­reichs Bil­dungs­aus­ga­ben lie­gen mit 3,6 Pro­zent des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) unter dem OECD-Durchschnitt von 4,0 Pro­zent. […]
Unter 65 Län­dern belegt Öster­reich bei PISA 2012 die Plätze 18 (Mathe­ma­tik), 23 (Natur­wis­sen­schaf­ten) und 27 (Lesen) und ist damit bes­ser als fast alle skan­di­na­vi­schen Län­der, also kei­nes­falls unterdurchschnittlich.”

Mag.a Isa­bella Zins

  • Maß­stab!?
    Nur jemand, der Schule als rei­nes Input-Output Sys­tem begreift (wir ste­cken mehr Geld, mehr inter­ak­tive Whi­te­boards, mehr Stun­den in der Schule, mehr etc. hin­ein und bekom­men bes­sere Leis­tun­gen, zufrie­de­nere Schü­le­rIn­nen, effek­ti­vere Leh­re­rIn­nen, etc. her­aus) würde den Erfolg unse­res Bil­dungs­sys­tems am Ver­gleich von Aus­ga­ben (rela­tiv zum BIP) und dem OECD-Schnitt der glei­chen Zahl tref­fen. Die­ses Ver­ständ­nis der Auto­rin wird auch im letz­ten Absatz des Kurier­ar­ti­kels noch ein­mal bekräf­tigt. Ist Schule, ein an sich sehr mensch­li­ches Sys­tem, eine reine funk­tion von Input und Output?
  • Trü­ge­ri­scher Erfolg / Stre­ben nach Ver­bes­se­rung!?
    average

    • Bei der letz­ten PISA-Auswertung konnte Öster­reich im Ver­gleich mit den ande­ren teil­neh­men­den OECD-Staaten wie­der ein paar Plätze im Ran­king auf­ho­len. Dabei ver­än­derte sich die tat­säch­li­che Punk­te­zahl kaum. Nur durch das schlech­tere Abschnei­den ande­rer Län­der konnte diese schein­bare Ver­bes­se­rung erreicht wer­den. Seit dem letz­ten PISA-Test fin­den sich die hei­mi­schen Ergeb­nisse wie­der unge­fähr auf dem Level von 2000, wäh­rend sie in der Zwi­schen­zeit abge­stürzt waren. Die Presse schreibt dazu:

      “Auch bei den Natur­wis­sen­schaf­ten haben die hei­mi­schen Schü­ler zuge­legt, die Leis­tun­gen blei­ben aber mit­tel­mä­ßig: Mit 506 Punk­ten hält Öster­reich knapp über dem OECD-Schnitt von 501 Punk­ten und lan­det auf dem 16. OECD-Rang. Im Lesen gibt es (auf nied­ri­gem Niveau) einen klei­nen Sprung nach vorne: Von zuletzt 470 Punk­ten auf 490 Punkte, vom viert­letz­ten OECD-Platz auf den 21. Der Durch­schnitt liegt bei 496 Punk­ten.“
      Ber­na­dette Bayr­ham­mer  (DiePresse.com), 3.12.2013

    • “[…], also kei­nes­falls unter­durch­schnitt­lich” ist wohl nicht als Zei­chen von Qua­li­tät oder dem Stre­ben nach Ver­bes­se­rung, son­dern mehr als Recht­fer­ti­gung zu verstehen.

Dass man in einer (medial aus­ge­tra­ge­nen) Dis­kus­sion dann auch noch Men­schen, die ande­rer Mei­nung sind, als “Igno­ran­ten und Wahn­sin­nige” (Mag. Isa­bella Zins) beti­telt, zeugt nicht gerade von Respekt und Viel­falt, wofür die Orga­ni­sa­tion, deren stell­ver­tre­tende Vor­sit­zende die­sen Arti­kel ver­fasste, zumin­dest laut Namen zu ste­hen scheint / ste­hen möchte. Hier scheint tat­säch­lich irgend­et­was den Blick auf Wald UND die Bäume zu versperren.

Bern­hard (28 Posts)

Bern­hard stu­dierte Inter­na­tio­nale Betriebs­wirt­schaft sowie Stra­te­gie, Inno­va­tion und Con­trol­ling mit den Schwer­punk­ten Inter­na­tio­na­les Mar­ke­ting, Unter­neh­mens­grün­dung, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment und Beha­vio­ral Finance in Wien, Mon­treal und Neu-Delhi. Er sam­melte in meh­re­ren inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten und Unter­neh­men Erfah­run­gen im Bereich Con­sul­ting, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment, Social Entre­pre­neurship und Ven­ture Capi­tal. Der­zeit ist er als Leh­rer für Eng­lisch, Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik an einer Neuen Mit­tel­schule im 10. Wie­ner Gemein­de­be­zirk tätig.


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