Warum haben wir Schule? (Teil 1)

 

Eine gewagte Frage. Warum haben wir Schule? Wer würde denn schon hin­ter­fra­gen, warum wir über­haupt Mil­lio­nen von Kin­dern tag­täg­lich in die Schu­len die­ser Welt schi­cken? Doch sieht man ein­mal auf das große Ganze — das große Warum? ist ja schließ­lich auch das, was uns tag­täg­lich antreibt — so kommt man auch zu ers­ten Mög­lich­kei­ten, wel­che Ver­än­de­run­gen unse­rem Schul­sys­tem denn wirk­lich gut tun wür­den. Sir Ken Robin­son, Kreativitäts-Guru, Bil­dungs­ex­perte und Reform­be­ra­ter von Groß­bri­tan­nien, Sin­ga­pur und der euro­päi­schen Kom­mis­sion für Bil­dungs­fra­gen, ist einer, der das große Ganze auf­zu­zei­gen ver­sucht. Seine Ideen sind so boden­stän­dig und gleich­zei­tig revo­lu­tio­när, dass sie einer Dis­kus­sion auch bei uns gehö­ri­gen Zünd­stoff geben sollten.

“Every coun­try on earth at the moment is refor­ming public education.There are two rea­sons for it.“
Sir Ken Robinson

Ein ers­ter ent­schei­den­der Grund für Bil­dung ist auch gleich­zei­tig der augen­schein­lichste und auch der­je­nige, mit dem wir unse­ren Kin­dern regel­mä­ßig klar zu machen ver­su­chen, warum ihnen ihre Leis­tun­gen in der Schule doch eigent­lich am Her­zen lie­gen soll­ten: Wirt­schaft­li­che Anfor­de­run­gen. Freie, öffent­li­che Bil­dung bezahlt aus Steu­er­gel­dern und ver­pflich­tend für alle wurde in den meis­ten Län­dern haupt­säch­lich aus wirt­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten ins Leben gerufen.

schools then

Und hier liegt auch gleich (einer) der Teu­fel begra­ben: Unsere Bil­dungs­sys­teme wur­den im Sinne der Auf­klä­rung und unter den wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen der indus­tri­el­len Revo­lu­tion kon­stru­iert. Zu die­ser Zeit war die Anfor­de­rung, eine breite Basis taug­li­cher Arbeits­kräfte aus­zu­bil­den, die manu­elle Arbeit ziel­ge­rich­tet, aber unter Auf­sicht, ver­rich­ten kann. Diese Basis sollte gerade so gebil­det sein, dass sie ihre Arbeits­auf­träge ordent­lich und effi­zi­ent umzu­set­zen ver­mochte. Danach kam eine etwas klei­nere, mitt­lere Ebene — die etwas Qua­li­fi­zier­te­ren konn­ten wei­ter auf­stei­gen und Pos­ten in der Admi­nis­tra­tion erlan­gen. Ope­ra­ti­ves Manage­ment würde man heute dazu sagen. Schluss­end­lich sollte es eine über­schau­bare Schicht von Intel­lek­tu­el­len geben, die an der Spitze der öko­no­mi­schen Pyra­mide ste­hen und von dort aus Unter­neh­men, Staa­ten und das öffent­li­che Leben steu­ern soll­ten. Das klingt klas­sisch. Pflicht­schule, höhere Schule, Uni­ver­si­tät. Und so ist es bis heute. Unver­än­dert. Kön­nen und wol­len wir uns diese breite Basis an wenig aus­ge­bil­de­ten Bür­ge­rIn­nen und das damit ein­her­ge­hende ver­lo­rene Poten­zial noch immer leisten?

Damals…

Dazu kommt, dass die Anfor­de­run­gen der Zeit kom­plett andere waren. Das Para­digma lau­tete wirt­schaft­li­ches (und/oder ter­ri­to­ria­les) Wachs­tum, was direkt die Kom­pe­ten­zen ver­deut­licht, die gefragt waren, als unsere Schul­sys­teme ins Leben geru­fen wur­den. Um Wachs­tum (oder Vor­be­rei­tung auf Krieg) vor­an­zu­trei­ben braucht man Effi­zi­enz, eine gut geschmierte Maschi­ne­rie. War dies vor 200 Jah­ren rela­tiv gerad­li­nig zu errei­chen — Lesen und Schrei­ben sollte man kön­nen, Mathe­ma­tik und ein biss­chen die Natur­wis­sen­schaf­ten ver­ste­hen — so haben wir uns heute so weit wie noch nie von die­ser Gerad­li­nig­keit ent­fernt. Effi­zi­enz als die Maxi­mie­rung des Out­put mit gege­be­nem Input oder als die Mini­mie­rung des Input bei gege­be­nem Out­put hat uns lange Zeit — zumin­dest ober­fläch­lich — gut getan. Wäh­rend Ers­te­res zum Teil durch stei­gende Bil­dungs­stan­dards erreicht wurde, hat Letz­te­res als Mit­tel zum Zweck haupt­säch­lich die Auto­ma­ti­sie­rung der Pro­duk­tion und die Aus­la­ge­rung in Län­der mit bil­li­ge­rem Lohn­ni­veau vor­an­ge­trie­ben. Arbeits­platz­ster­ben!? Nein, danke, aber wer würde schon eine Erhö­hung der Bil­dungs­stan­dards kri­ti­sie­ren? Oder anders gefragt: Wer bitte würde eine Sen­kung der Bil­dungs­stan­dards fordern?

… und heute

Das ist alles schön und gut — Effi­zi­enz bringt Wirt­schafts­wachs­tum. Aber in Zei­ten, in denen immer öfter die Frage nach den Gren­zen des Wachs­tums durch die Medien geis­tert, Anti-Depressiva durch Sinn­ent­leertheit u.a. der Arbeit Hoch­kon­junk­tur fei­ern, unsere Roh­stoffe knap­per und die Umwelt fra­gi­ler wer­den, ist Effi­zi­enz nicht mehr das ein­zig Erstre­bens­werte. Die Men­schen weh­ren sich dage­gen, wie gut geschmierte Maschi­nen zu funk­tio­nie­ren (oder so behan­delt zu wer­den), auch wenn sie das nicht immer bewusst, son­dern z.B. durch Krank­hei­ten (Burn-Out, Depres­sion, etc.) zeigen.

Noch dazu wis­sen wir immer weni­ger, wel­ches Wis­sen uns und vor allem die her­an­wach­sende Gene­ra­tio­nen, also unsere Kin­der, für die Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft wapp­nen wird. Tho­mas Frey spricht in die­sem Zusam­men­hang vom radi­ka­len Ver­fall der Halb­werts­zeit unse­res Wis­sens oder davon, dass vie­les von dem, was wir in der Schule oder an Uni­ver­si­tä­ten ler­nen, schon wie­der bei­nahe nutz­los ist, wenn wir an einer Stelle sind, an der wir es ein­set­zen könnten.

uncertainty

Ein Kodak-Moment für die Anpassungsfähigkeit

Was unsere (Bildungs)Welt also drin­gen­der braucht denn je, ist nicht die immer stei­gende Effi­zi­enz (denn auch die hat Gren­zen), son­dern ein neues Para­digma, das uns auch unter Unge­wiss­heit und Non-Linearität wirt­schaft­lich unab­hän­gig blei­ben lässt: Krea­ti­vi­tät und Anpas­sungs­fä­hig­keit. Wir müs­sen unsere Gesell­schaft dazu ermäch­ti­gen, neue Wege fin­den und neue (noch ver­steckte) Pro­bleme lösen zu kön­nen. Als exzel­len­tes Bei­spiel für eine ein­deu­tig ver­fehlte Ein­stel­lung auf diese neue Rea­li­tät kann wohl die Plei­te­ge­schichte von Kodak dienen:

“Der Nie­der­gang der Firma Kodak hat Betrof­fen­heit aus­ge­löst. Noch ist das Schick­sal die­ser tra­di­ti­ons­rei­chen Firma nicht ent­schie­den, doch bereits wer­den Nach­rufe publi­ziert. Es wird einem bewusst, wie sehr die Pro­dukte die­ser Firma unsere Wahr­neh­mung der Welt geprägt haben. Das 20. Jahr­hun­dert – ein Kodak-Moment. [Nichts­des­to­trotz ist diese Ära vor­bei.] Die Nekro­lo­gen beschrei­ben das Ende von Kodak als Begleit­er­schei­nung des Fort­schritts, Stich­wort: «krea­tive Zer­stö­rung». Die Firma habe die Zei­chen der Zeit zu spät erkannt, sich nicht schnell genug an die gewan­del­ten Ver­hält­nisse anpas­sen können.”

Neue Zür­cher Zeitung

Neue Wege gehen

Krea­ti­vi­tät und die unmit­tel­bare Vor­aus­set­zung dafür, late­ra­les Den­ken — das non-lineare Den­ken in Alter­na­ti­ven, das uns zu Neuem führt — sind uns aber nicht an sich fremd. Kin­der haben ein unglaub­li­ches Poten­zial für krea­ti­ves Den­ken und neue Wege, Dinge zu tun oder über sie zu den­ken. Sie sind ja auch noch nicht ange­passt an unsere Sys­teme, Stan­dards und Richt­li­nien. Und, wie auch Sir Ken Robin­son attes­tiert, gibt es diese groß­ar­ti­gen, inspi­rie­ren­den Leh­re­rIn­nen, die es schaf­fen, Kin­dern diese Fähig­kei­ten nicht zu neh­men, son­dern sie aus­zu­bauen und in sinn­volle Bah­nen zu len­ken. Diese Bemü­hun­gen dür­fen aber keine Ein­zel­fälle bleiben:

“Child­ren have immense natu­ral capa­ci­ties of inno­va­tion, of crea­tive thin­king, of alter­na­tive ways of see­ing. They are deeply per­so­nal capa­ci­ties, and great teaching has always been there to model, and to bring them out. But we need now to sys­te­ma­tize these across whole sys­tems, and not to see them as eccen­tric capa­ci­ties which are the pre­serve of a few gif­ted teachers. Now mode­ling that is a 21st Cen­tury challenge.”

Sir Ken Robinson

creativity

So ganz neben­bei soll­ten wir uns dann aber auch noch der Frage stel­len, ob wir immer mehr Men­schen zur Anpas­sung an unsere Stan­dards zwin­gen (und somit zu ihrer spä­te­ren per­sön­li­chen Anpassongs-losigkeit) oder Indi­vi­dua­li­tät akzep­tie­ren und schät­zen soll­ten (und nicht nur deren regel­mä­ßi­gen Aus­bruch, den sich der moderne Erden­bür­ger mit Mode, Schmuck, tech­ni­schen Acce­soires oder einem ver­rück­ten Stoß­stan­gen­auf­kle­ber leis­tet). Zumin­dest ein gründ­li­ches Über­den­ken, an wel­che Stan­dards wir junge Her­an­wach­sende anpas­sen möch­ten, wäre an der Zeit. Das ist schon eine Her­aus­for­de­rung für sich.modern education system

Die wirt­schaft­li­chen Anfor­de­run­gen haben sich geän­dert. Was ändern wir?

Und so bleibt nur mehr die Frage, wie wir denn jetzt dort­hin kom­men, zu mehr Krea­ti­vi­tät und Anpas­sungs­fä­hig­keit unse­rer Schü­le­rIn­nen für sich stän­dig ändernde Her­aus­for­de­run­gen. Durch mehr stan­dar­di­sierte Tests? Durch die Strei­chung oder Redu­zie­rung “wei­che­rer”, unwich­ti­ge­rer Fächer (welch fatale Dicho­to­mien wir uns da auf­ge­baut haben!), wie Musik, Kunst (BE) und Wer­ken? Durch eine Erhö­hung der Bil­dungs­stan­dards, klei­nere Klas­sen, moder­nere Com­pu­ter, inter­ak­tive Whi­te­boards oder Lap­tops? Oder viel­leicht durch mehr ver­pflich­tende Unter­richts(!)stun­den? Das ist keine leichte Frage, aber das sind mit immer grö­ßer wer­den­der, all­ge­mei­ner Gewiss­heit sicher­lich nicht die rich­ti­gen Ant­wor­ten dar­auf. Was aber klar ist: es muss sich etwas ver­än­dern. Sonst bricht nach der glo­ba­len Finanz­krise nicht nur die Umwelt-, son­dern auch eine sehr mensch­li­che Krise über uns herein.

Bern­hard (28 Posts)

Bern­hard stu­dierte Inter­na­tio­nale Betriebs­wirt­schaft sowie Stra­te­gie, Inno­va­tion und Con­trol­ling mit den Schwer­punk­ten Inter­na­tio­na­les Mar­ke­ting, Unter­neh­mens­grün­dung, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment und Beha­vio­ral Finance in Wien, Mon­treal und Neu-Delhi. Er sam­melte in meh­re­ren inter­na­tio­na­len Pro­jek­ten und Unter­neh­men Erfah­run­gen im Bereich Con­sul­ting, Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment, Social Entre­pre­neurship und Ven­ture Capi­tal. Der­zeit ist er als Leh­rer für Eng­lisch, Mathe­ma­tik und Infor­ma­tik an einer Neuen Mit­tel­schule im 10. Wie­ner Gemein­de­be­zirk tätig.


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